Siem Reap (be.p) Der alte Jeep hat in seinem Auto-Leben offenbar
schon einiges hinter sich. Beim Anfahren macht er erst einmal einen Satz nach
vorn. Den vierten Gang nimmt er nur, wenn der Fahrer den Schaltknüppel
entschlossen festhält. Aber für die ausgewaschenen Sandpisten ist er genau
richtig - so lange wir nur genügend Wasser zu seiner
Abkühlung dabei
haben.
Wir sind in Kambodscha, einem der ärmsten Länder der Welt, und mit einer Kiste voller Brillen auf dem Weg in ein kleines Dorf. Studenten der Technischen Fachhochschule Berlin sammeln seit geraumer Zeit „Gebrauchte“. Wenn sie selbst nicht in das südostasiatische Königreich reisen können, bringen, wie diesmal, Mitglieder des Kambodschahilfe e.V. die Brillen an Ort und Stelle.
Auf
dem Dorfplatz ist ein langer Tisch aufgebaut. Wir legen alle Brillen
nebeneinander. Jeder Dorfbewohner sucht sich die aus, mit der er am besten
(aus-)sieht. Eine etwas ungewöhnliche und in Deutschland wahrscheinlich
Kopfschütteln auslösende Methode - aber Optiker gibt es kaum und Augenärzte
ebenso wenig. Ein Vierteljahrhundert nach Pol Pot hat sich das Land noch immer
nicht von der blutigen Herrschaft der Roten Khmer erholt: eine ganze Generation
von Ärzten, Lehrern, Akademikern wurde ausgerottet. Da wird eine Brille fast
wie ein Sonntagsstaat getragen. Immer wieder bedankt sich eine alte Frau, weil
sie endlich wieder etwas sehen kann. Wir können kein
Khmer, aber die größeren Schulkinder dolmetschen ins Englische. Sie beherrschen
das erstaunlich gut. Und so erfahren wir auch, dass der Weg in ihre Schule,
eine Art Gymnasium, über eine Stunde dauert, wenn sie ihn laufen müssen - nicht
jeder im Dorf hat ein Fahrrad.
Auf dem Markt von Siem Reap, der nächstgrößeren Stadt, bekommt man gebrauchte Fahrräder für etwa 25 Dollar. Ein durchschnittliches Monatsgehalt liegt in Kambodscha um die zehn Dollar. Wir beschließen, später noch einmal in das Dorf zurückzukehren - mit Fahrrädern.
Aber im Moment sitzen wir erst einmal fest. Ein Reifen hat seine Luft ausgehaucht. Im Nu haben einige Dorfbewohner den Jeep aufgebockt, das Rad abmontiert und sind mit ihm in den Tiefen des Dschungels verschwunden. Keine Bange, beruhigt uns der Lehrer, in einer Stunde haben wir das Rad samt neuem Reifen zurück. Zeit, uns noch die Dorfschule zu zeigen. Selbst gezimmerte Tische und Bänke stehen auf dem Erdboden, praktisch unter dem Wohnzimmer des Lehrers. Seine Behausung wurde, wie hierzulande üblich, auf Pfählen gebaut. Das „Klassenzimmer“ ist also nichts weiter als das Geviert dazwischen. Es gibt ein neu gebautes Schulhaus, aber das darf nicht benutzt werden. Erst muss der Lehrer der Behörde nachweisen, dass er tatsächlich unterrichtet. Aber es fehlt ihm an Materialien, an Stiften, Heften und Schreibblöcken für 86 Kinder. Als wir versprechen, ihm zu helfen, lässt er zwei riesige Bündel Kokosnüsse für uns schlagen.
Unterdessen kommt, eingeklemmt
zwischen zwei Kambodschanern, unser Rad auf einem Moped angefahren. Ehe wir uns
versehen, ist es wieder mit dem Jeep verschraubt. Wir bezahlen die freundlichen Helfer
und
verabschieden uns von den Dorfbewohnern mit einem formvollendeten Satz nach
vorn.
Wer mehr über Kambodscha und Möglichkeiten praktischer Hilfe wissen möchte, findet Informationen unter www.brillenfuerkambodscha.de
und www.kambodschahilfe.de. (be.p)
Gabi Loke
Fototext: Gebrauchte Brillen aus Deutschland finden in Kambodscha dankbare Zweit-Träger. Fotomotiv: Brillen auf Tisch, Jeep, Kokosnüsse
Foto: Gabi Loke/be.p